copyright discover koeln, 2002 werbung
discover - musik & mehr
  CD-Reviews Interviews Stories News Touren Bücher und Comics Sound & Video Bandlinks, Labellinks, Surftipps Die aktuellen MP3- und Videocharts  
Finden
 

Mr. Undercover
Werbung ist wie Teflon

Lieblingstouren

anzeige
anzeige
 
  R & B - Die Geschichte der schwarzen Musik ::: Nelson George
Review

R & B - Die Geschichte der schwarzen Musik -
R & B - Die Geschichte der schwarzen Musik

Nelson George
Orange Press
 
Dokumentation
288 Seiten, ISBN 3936086044, 15 Eur

> Buch-Preisvergleich


Mit 14 Jahren Verspätung erscheint die deutsche Fassung von Nelson Georges Darstellung der Entwicklung der "Rhythm & Blues-Welt." Übersetzt hat Patrick Schnur.
Ein wagemutiges Unterfangen, die Geschichte US-amerikanischer schwarzer Popmusik auf unter 300 Seiten zu skizzieren, denn der Anspruch geht hier sicherlich über einen Abriss in Form eines Lexikonartikels oder eines Essays hinaus. Der kompakte und durchaus anschauliche Stil kommt aber der Lesbarkeit und dem Verständnis grundlegender Entwicklungsgänge sehr entgegen. Nelson George, vom Nachrichtenmagazin "Newsweek" zu einem der bedeutendsten Autoren über Black Music gekürt, kann vor allem damit überzeugen, dass er die Geschichte nicht als Reihung langer Namenslisten und "Best Tracks" sieht, sondern einen gesellschaftsphilosophischen Überbau konstruiert, den er mit beeindruckendem empirischen Wissen anreichert, wonach der Fortgang der von ihm liebevoll gepriesenen "R&B-Welt" schon zu Anfang des 20. Jahrhunderts dialektisch in der Gestalten der frühen schwarzen Bürgerrechtler Booker T. Washington und W.E.B. DuBois angelegt ist.
Washington vertrat eine Philosophie der "Separation" der Schwarzen von den Weißen, einen "pragmatischen Kapitalismus." Das Zusammenleben sei nur dann in Frieden gesichert, wenn Schwarze ihre eigenen Werte pflegten und sich innerhalb der ganzen amerikanischen Gesellschaft durch (harte) Arbeit unentbehrlich machten. Nelson George sieht, dass dieser Standpunkt aus dem landwirtschaftlich geprägten Süden der USA kam und dem Gebot der Vernunft dieser Zeit entsprang. Schließlich war die Sklaverei erst wenige Jahrzehnte zuvor abgeschafft worden. DuBois dagegen vertrat lange Zeit eine Politik der "Assimilation." Er stand für Chancengleichheit, für eine gute Ausbildung und das Wahlrecht. Schwarze sollten mehr und mehr in die Gesamtgesellschaft integriert werden, so dass als Fernziel Rassenunterschiede hinfällig würden. Zur Umsetzung dieses Ziels seinen mitunter militante Mittel vonnöten. Schwarze sollten gleichberechtigt neben die Weißen treten und diese bei gleichen Chancen womöglich überflügeln. Eine Art Rache für die jahrhundertlange Versklavung. Ähnliche Antipoden waren später der für die friedliche Lösung stehende Martin Luther King und der militante Malcolm X.
Nelson George überträgt diese gegensätzlichen Standpunkte direkt auf die Entwicklung der Popmusik - und das gelingt ihm, weil er seine Thesen auf eine umfassende Kenntnis der amerikanischen Musikindustrie, der Plattenfirmen, Zeitschriften, der Konzertveranstalter, Promoter und vor allem der Radiolandschaft stützt. Der "Crossover," - ein Begriff, der im Buch ausgiebigst bemüht und reflektiert wird - und seine Auswirkung, d.h. die Assimilation, hätten den Schwarzen seit jeher weder politisch, noch musikalisch, etwas genutzt. Machtspiele zwischen Major und Independent Labels, darunter die legendären schwarzen Firmen "Motown" und "Stax", führten die Schwarzen bei Kooperation mit "den Weißen" aufgrund der Übermacht des Kapitals in den Ruin.
Nelson George sieht schwarze Musiker als nimmermüde Quelle der Kreativität. Weiße sind für ihn bisweilen nur Enzyklopädisten, die katalogisieren, in eine marktgerechte Form bringen und parasitär an der schwarzen Originalität teilhaben. Ausnahmen bestätigen nur selten die Regel. Rockmusik à la Eric Clapton oder Led Zeppelin beispielsweise sei nichts anderes als ein Rekurrieren auf den Blues, einem von den Schwarzen erfundenen und längst als veraltet abgelegten Stil. Hinter solcher Plakativität steht bei Nelson George die grundsätzliche Wertschätzung der Qualität und des Einflusses der schwarzen Musik im 20. Jahrhundert schlechthin. Und wer wollte diese bestreiten?
Nachdem der Begriff "Rhythm and Blues" von schwarzen Radiostationen im Raum L.A. bereits gängig benutze wurde, benannte die Zeitschrift "Billboard" im Jahr 1949 ihre "Race Records" ("Rassen-Schallplattenaufnahmen") in "R&B" um, ein Zugeständnis an das wachsende Interesse weißer Käuferschichten. R&B war - und ist nach wie vor - eine sehr große Schublade, in die alles hineinpasst, was schwarzer Herkunft ist oder zumindest so klingt. Die Antwort darauf, was denn nun spezifisch schwarz ist an der schwarzen Musik, zeigt Nelson George entlang des Ganges der Jahrzehnte anhand des Wechsels der Stile Jazz, Gospel, Blues, Swing, "klassischer R&B," wo er nachdrücklich Sam Cooke als wichtigste Figur herausstellt, Soul, Funk, Disco und HipHop auf. Schwarze Eigenart sei es, kreativ zu sein, lieber in der Zukunft als in der Vergangenheit zu musizieren und in jedem Jahrzehnt eine Neudefinition der Popmusik zu liefern. Schwarz ist schonungslose Diagnose der Gegenwart. Der Seele nach unterscheidet demnach den Baumwollpflücker, der seinen "Sorrow Song," den Blues, singt, wenig vom HipHop-Interpreten. Sie leben nur in verschiedenen Jahrzehnten.
Was an diesem Buch überzeugt, ist - neben der Erklärung der innermusikalischen Entwicklung - die präzise und analytische Sicht der amerikanischen Musikindustrie, einem Machtgefüge, angesichts dessen Nelson George die schwarze (musikalische) Welt, in Manier eines Bürgerrechtlers ermutigt, sich der ihr eigenen Stärken zu besinnen. Nelson George ist lebendiger Teil einer schwarzen Musikkultur. Er schreibt provokant, lehrreich und sehr fesselnd.
 
Peter Backof

  Nelson George bei ebay

 

CD-Reviews

DVD-Reviews

News

Tourtips

zurück | nach oben

Anzeige: Tank leer? Dann jetzt Shell Gutschein gewinnen!

 

Homepage    CDs    Interviews    Stories    News    Touren    Gedrucktes    Sound & Video    Links    Charts   
Impressum    Mediadaten    Sitemap   

Copyright © discover, Bergisch Gladbach 2007