copyright discover koeln, 2002 werbung
discover - musik & mehr
  CD-Reviews Interviews Stories News Touren Bücher und Comics Sound & Video Bandlinks, Labellinks, Surftipps Die aktuellen MP3- und Videocharts  
Finden
 

Mr. Undercover
Werbung ist wie Teflon

Lieblingstouren

anzeige
anzeige
 
  Nur für Erwachsene ::: Roland Seim, Josef Spiegel
Review

Nur für Erwachsene - Rock und Popmusik: zensiert, diskutiert, unterschlagen
Nur für Erwachsene
Rock und Popmusik: zensiert, diskutiert, unterschlagen
Roland Seim, Josef Spiegel
Telos Verlag
 
Buch zur Ausstellung
ISBN 3-933060-16-8, EUR 24,80

> Buch-Preisvergleich


Rock- und Popmusik ist seit jeher Medium der Gesellschaftskritik, Ausdruck von Gegenbewegung, Konflikt- und Provokationszone, Spiegelbild der Moralentwicklung aber auch Profitmaschinerie, letztlich also ein weites Feld der Irritationen und Interpretationen. Musikalische, textliche und bildliche Gestaltungs- und Ausdrucksformen fließen hier zusammen und werden - als Konsequenz der an sie geknüpften Zweckbestimmungen - regelmäßig zum Gegenstand gerichtlicher, selbstregulatorischer oder auch gesellschaftlicher Auseinandersetzungen. Im Mittelpunkt steht hierbei die Frage: Was darf Rock- und Popmusik an Bildern und Texten zur Verbreitung einer Meinung und als Ausdruck künstlerischer Freiheit einsetzen - wo sind deren Grenzen? Wonach bestimmt sich der gesellschaftliche Konsens einer Missbilligung?

Der Bild- und Textband "Nur für Erwachsene" versucht als begleitendes Katalogbuch zur gleichnamigen Ausstellung (30.01.-28.04.2005 Rock'n'Popmuseum Gronau) eine Annäherung an die aufgeworfenen Fragestellungen. In Textteil, Bildsammlung und Stichwort-Lexikon dreigeteilt, finden sich auf knapp 250 Seiten zahlreiche Einzelbeispiele, die einerseits eine zum Teil groteske Selbstkastration der Musikindustrie belegen, andererseits aber auch Argumentationshilfe für die Annahme bieten, dass "alles irgendwo seine Grenzen hat". Die dem Band zugrunde liegende Ausgangsthese ist hierbei, dass sich Werte und Grenzen im Laufe der letzten fünfzig Jahre Rock- und Popgeschichte verschoben haben, wobei anzumerken ist, dass dieser Wertewandel nicht zwangsläufig zu einem Verlust an Reibungsfläche geführt hat. Als reflexartige Reaktion auf scheinbare gesellschaftliche Toleranz verschob und verschärfte sich allenfalls die Form der Darstellung. Die Wirkung bleibt in Relation zum jeweils bestehenden Wertekanon insoweit oftmals vergleichbar. Einleitende Essays setzen sich zur Begründung der Ausgangsthese mit einzelnen Ausschnitten der bewegten Geschichte verbotener, indizierter oder zumindest verpönter und von gesellschaftlichen Gruppierungen missbilligten Rock- und Popmusik auseinander. Der zeitgeschichtliche und politische Abriss reicht hierbei über die Provokationen der "Rabauken" Elvis Presley, Bill Haley und Cliff Richards (Josef Spiegel: Die Geburtsstunde des Rock'n'Roll: ein halber Elvis), dem Fall des über rückwärts abzupielende Tonträger Teufels Botschaften verbreitenden Ozzy Osbourne (Willem Pasinski: Heavy Metal. Zensurversuche, Vorurteile und Wahrheiten), bis hin zur ideologisch motivierten Musikzensur in den USA (Dennis Büschner-Ulbrich: God's Own Country - Mechanismen der Zensur im Kampf um die amerikanische Mainstreamkultur).

Aufgrund der informatorischen Fülle - sämtliche Beiträge sind dem wissenschaftlichen Anspruch entsprechend mit fundierten Nachweisen versehen und reich bebildert - gibt es beim Lesen einiges zu lernen. Wer wusste z.B., dass Ende der Fünfzigerjahre auf einer US-amerikanischen "Hitliste der Weltgefahren" der noch immer gerne gehörte Elvis-Song "Suspicious Mind" einen absoluten Spitzenplatz belegte und sich beim Kampf um Platz 1 nur dem "Atomwettrüsten" (1.) und der "Asiatischen Grippe" (2.) geschlagen geben musste? Herrlich! Oder wer kannte zuvor die mexikanische Grind-Core-Death-Metal-Band "Paracoccidioidomicosisproctitissarcomucosis" (kein Scherz!) und deren Faible für Abbildungen authentischer Leichenöffnungen auf dem Plattencover a là von Hagen? Neben der Darbietung dieser wahrlich unterhaltsamen Anekdoten scheuen die Beiträge aber auch nicht davor zurück, Mechanismen der Provokation und des Kalküls bloßzustellen (Josef Spiegel: Unbedarftheit und Kalkül: Rockgruppen und ihr Umgang mit Symbolen und Gedanken des Faschismus) und versäumen es auch nicht - trotz der prinzipiellen Sensibilität des Themas "Zensur" - Grenzen aufzuzeigen oder doch zumindest anzudeuten. Hierbei wird insbesondere hervorgehoben, dass "Zensur" in einem über den insoweit enger gefassten formal-juristischen Begriff der Zensur in Art. 5 Abs. 1 S. 3 Grundgesetz ("Eine Zensur findet nicht statt") hinausgehenden Verständnis zahlreichste Facetten aufweisen kann. Formen der "Regulierten Selbstregulierung" (z.B. im Jugendmedienschutz) und der "Selbstzensur" stehen neben gerichtlichen Totalverboten oder aber auch Boykottaufrufen gesellschaftlicher Gruppierungen. Ein Blick auf die äußerst umfangreiche Darstellung und Gegenüberstellung von indizierten und nicht-indizierten Platten- und CD-Covern offenbart die Breite der Diskussion. Die über 250 Farb- und Schwarzweiß-Illustrationen bieten einen eindrucksvollen Überblick über konfliktreiche Covergestaltungen. Thematisch in Fallgruppen geordnet (Sex, Frauenfeindlichkeit, Moral, Gewalt und Political Incorrectness), finden sich hier Covers von Jimi Hendrix ("Electric Ladyland", 1968: mit Abb. unbekleideter Damen), John Lennon und Yoko Ono ("Unfinished Music No. 1", 1968: ebenso wie Gott sie schuf), Percewood's Onagram ("Ameuropa", 1974: Abb. eines Hakenkreuzes) oder Cannibal Corpse ("Bloodthirst", 1999: Abb. einer Zerstückelungsszene). Nur am Rande sei erwähnt, dass die Herausgeber zwar im Impressum auf den durch Art. 5 GG geschützten Umgang mit zeitgeschichtlichen Informationen verweisen, es aber nicht versäumen zu empfehlen, Minderjährigen das Werk nicht zugänglich zu machen!

Insbesondere der Ansatz, nicht allein obrigkeitsstaatliche Repressionen darzustellen, sondern auch Retuschierung, Abschwächung oder Austausch von Texten und Bildern als "freiwillige" Reaktion auf gesellschaftlichen oder politischen Druck zu dokumentieren (z.B. der wegretuschierte Zigarettenstummel in McCartneys Hand auf dem berühmten "Abbey Road"-Photo), verdient Anerkennung und macht den Band "Nur für Erwachsene" zu einer lesens- und anschauungswerten Quelle der Auseinandersetzung. Denn gerade derartige Fälle einer "mittelbaren Zensur" gewinnen im Zeitalter der heutigen Machtverlagerung in den privaten Sektor an Bedeutung. Es sollte zu denken geben, wenn in erschreckenswerter Weise bereits die Akteure selbst eine Verstümmelung ihrer meinungsbildenden Tätigkeiten hinzunehmen bereit sind. Das beschämende Verhalten der amerikanischen Presse während des zweiten Irakkrieges ist insoweit nur ein Beispiel unter vielen und ermöglicht mühelos den Brückenschlag zu amerikanischen, aber auch europäischen Fernseh- und Radiosendern (hierzu der Beitrag von Christian Rohr: Musik unter Druck: Zensorische Maßnahmen in Zeiten des Krieges).
 
JOP

  Roland Seim, Josef Spiegel bei ebay

 

CD-Reviews

DVD-Reviews

News

Tourtips

zurück | nach oben

Anzeige: Tank leer? Dann jetzt Shell Gutschein gewinnen!

 

Homepage    CDs    Interviews    Stories    News    Touren    Gedrucktes    Sound & Video    Links    Charts   
Impressum    Mediadaten    Sitemap   

Copyright © discover, Bergisch Gladbach 2007