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  Lipstick Traces ::: Greil Marcus
Review

Lipstick Traces - Von dada bis Punk - Kulturelle Avantgarden und ihre Wege aus dem 20. Jahrhundert
Lipstick Traces
Von dada bis Punk - Kulturelle Avantgarden und ihre Wege aus dem 20. Jahrhundert
Greil Marcus
Rogner und Bernhard bei 2001
 
Pop-Diskurs
ISBN 3-8077-0254-7

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Szene 1: Brennende Barrikaden im späten Mai des Jahres 1968. Im Paris dieser Tage scheint alles möglich zu sein. Arbeiter und Studenten kämpfen gemeinsam. Merkwürdige Graffittis zieren die Häuserfassaden: "Lebe ohne tote Zeit, genieße ungehinderte Leidenschaft".
Szene 2: (1977) Bizarr gekleidete junge Menschen auf den nasskalten Straßen der englischen Hauptstadt. Sie haben sich ihre Köpfe kahl geschoren, bzw. die verbliebenen Haarbüschel grell gefärbt. Sie trinken öffentlich und tragen ihre Arbeitsverweigerung stolz zur Schau.
Szene 3: Berlin im ersten Jahrzehnt des noch frischen Jahrhunderts. Eine neuartige Kunstrichtung etabliert sich. Junge Intellektuelle verwirren mit schrägen Traktaten ihre Mitmenschen: "Was bedeutet euch Jesus Christus? Er ist genau wie ihr - ihm ist alles egal".
Greil Marcus, Quasi-Musik-Soziologe und lebendes Beispiel dafür, dass Kritiker Philosophie-Bücher verstehen, unternimmt in "Lipstick Traces" den kühnen Versuch, eine historische Verbindung zwischen der Situationistischen Internationale, der Punk-Bewegung und der dadaistischen Kunst zu ziehen. Seine Topographie dieser drei von ihm exemplarisch ausgewählten, gegenkulturellen Entwürfe bringt vor allem eine auf den ersten Blick unsichtbare Gemeinsamkeit zu Tage: Infiziert mit dem Geist des Nihilismus schaffen diese drei Avantgarden das eigentlich Unmögliche, nämlich die gesellschaftliche Realität als eine von vielen möglichen Konstruktionen anzusehen um sie damit radikal in Frage zu stellen. Durch ihre grundsätzliche Negation des Bestehenden, das von den Subjekten in der Regel als unabänderlich empfundenen wird, werden sie zu Unbeteiligten, stellen dem, was gemeinhin als Realität bezeichnet wird, ihr schallendes Gelächter entgegen.
So schaffen sie die Grundlage, um ein Paradoxon der menschlichen Existenz zu durchbrechen, dass die von Menschen gestaltete Wirklichkeit von diesen selbst nicht als menschgemacht wahrgenommen wird.
Die Frage, die sich wie ein roter Faden durch das Buch zieht ist die: "Ist es ein Fehler, das Auftreten der Sex Pistols mit einem bedeutenden geschichtlichen Ereignis zu verwechseln...und was ist überhaupt Geschichte? Bedeutet Geschichte nichts weiter als Ereignisse, die wäg- und messbare Dinge zurücklassen - neue Institutionen, neue Landkarten, neue Herrscher, neue Sieger und Verlierer -, oder ist sie auch das Resultat von Momenten, die scheinbar nichts zurücklassen, nichts als das Rätsel von mysteriösen Verbindungen zwischen räumlich und zeitlich weit voneinander getrennten Menschen, die dennoch die gleiche Sprache sprechen." (S.10 )
Marcus, der sich als Liebhaber von schnörkellosem 70er-Punk zu erkennen gibt, belässt es nicht bei der sonst gängigen Nabelschau von Pop-Musik, vielmehr steckt er seine Nase tief in ein Universum aus Literatur, Kunst, sozial-philosophischen Zusammenhängen und in Film-Geschichte... Es hagelt nur so Querverweise und Anspieltipps mittlerweile vergriffener Punk-Rock-Scheiben bzw. Zitate unterschiedlichster heute in Vergessenheit geratener Persönlichkeiten.
An dieser Neuauflage, des erstmals '89 erschienen Klassikers, hat mich persönlich die Analyse der Punk-Bewegung als kultur-philosohischem Entwurf erstaunt, die er in einem Atemzug mit den anderen o.g. Bewegungen nennt. Was die heutigen Punx, in Mehrzahl Anhänger der Berber-Sauf-Fraktion dazu sagen würden, vorausgesetzt, dass sie des Lesens mächtig sind, weiß ich nicht. Ich bezweifele aber, dass sie seine Einschätzung teilen würden.
Greil Marcus weigert sich, die alten, klemmenden Schubladen der Einteilung von Kultur ein weiteres Mal zu öffnen. Statt dessen entsteht in seinem Buch, das spannend wie ein Kriminalroman zu lesen ist, ein sensibles Geflecht von Querverbindungen, in dem sich die aggressive Power der Punx, die künstlerische Negation der dadaisten und die politisch-philosophische Abstraktion der Situationisten plötzlich mühelos zusammenfügen. Für einen kurzen Moment fallen die verschleiernden Grenzen, das große Ganze wird sichtbar und scheint zum Greifen nahe.
Letztendlich geht es einfach um Menschen, wie sie wohnen, was sie empfinden, wie sie vögeln, um den frühmorgendlichen Weg zur U-Bahn, ihre Leidenschaften, den Gang zur Toilette. Um mehr nicht.
 
Öle Schmidt

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