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  Mainstream der Minderheiten ::: Tom Holert / Mark Terkessidis (Hrsg)
Review

Mainstream der Minderheiten - Pop in der Kontrollgesellschaft
Mainstream der Minderheiten
Pop in der Kontrollgesellschaft
Tom Holert / Mark Terkessidis (Hrsg)
Edition ID-Archiv
 
Pop-Diskurs / Aufsatz-Sammlung
ISBN: 3894080590, Eur 14,-, 194 Seiten, Softcover


Sollte es wahr sein, dass wir selbstlosen Plattensammler, die wir uns die Wohnung mit Tonträgern voll stellen, die den revolutionären Geist in sich tragen, um die Widersprüche im Kapitalismus zu verschärfen, und ihn so sang- und klangvoll abzuschaffen, etwa einer riesengroßen Finte aufgesessen sind? Spielt es im Endeffekt gar keine Rolle, ob sich Scheiben von Dead Kennedys, Patrick Lindner oder ...auf deinem Plattenteller drehen? Neue Antworten auf alte Fragen sucht "Mainstream der Minderheiten - Pop in der Kontrollgesellschaft", eine in der Edition ID-Archiv erschienene Aufsatzsammlung der deutschen Kritiker-Intelligenzia, die sich mit unterschiedlichen Schwerpunkten im Pop-Diskurs zu Wort melden.
Sie wurden schon zu meiner Schulzeit aus vollem Herzen gehasst: Die notorischen Besserwisser, die neunmalklugen Arschlöcher, die spontan und immer hilfsbereit deine Fremdwortwahl verbesserten.
Sie wussten partout alles besser und konnten dir mal eben auf die Schnelle, ausgestattet mit diesem süffisant-überlegenen Lächeln, den gesellschaftlichen Kontext der diskutierten Fragestellung aus dem Ärmel schütteln. Gleichzeitig waren sie - darin besteht die vielleicht eigentliche Todsünde, wenn ich mal großzügig darüber hinwegsehe, dass diese Schlaumeier garantiert nie im Fußballverein waren, wie wir anderen - immer sehr beliebt bei diesen unendlich verständnisvollen, ständig reichlich in Knoblauch getränkten Unwesen, den gemeinhin von der Außenwelt als Lehrern bezeichneten Wolf Biermann-Fans - damals immer auch leicht zu erkennen an den "Schwerter zu Pflugscharen"-Buttons.
Während wir auf dem Pausenhof hinter Mädchen her waren, schrieben sie wichtige Papiere über den Stand der Dinge. Ein Buch, das aus einer solchen Feder stammen könnte, ist "Mainstream der Minderheiten", und wurde jetzt der natürlich nur darauf wartenden Weltöffentlichkeit vorgelegt.
Unter den zehn Autoren befinden sich dann doch auch zwei Frauen. Das entspricht einem Anteil, der nur unwesentlich schlechter ist, als der der beschlossenen CDU-Frauenquote - Respekt meine Herren!
Nun gut, Schluss mit dem Kritikergehabe, zu den Fakten: Zentrale Frage des Buches ist die nach der gesellschaftlichen Funktion von populärer Kultur heute.
Anders gesagt: In welchem Zusammenhang sollte Musik heute betrachtet werden? Stimmt die weitverbreitete Ansicht Rock'n'Roll oder Pop-Musik sei per se dissident und verhindere die Barbarei, oder handelt es sich hierbei etwa um eine der bestlancierten Propaganda-Lügen überhaupt? Kann die oben erwähnte Massenkultur demnach immer nur Abbild der herrschenden Verhältnisse sein, bzw. deren Botschaften transportieren, was sie grundsätzlich utopielos machen würde? Eine Fragestellung also, die jeden, der an mehr als Chart-Platzierungen bzw. dem hippen Spiel des Musikstil-um-sich-Werfens interessiert ist, fesseln sollte.
Hier wird die Frage aufgeworfen, ob die alte, oftmals ideologische Einteilung z.B. der Musikwelt in Mainstream und Minderheit, in schlecht, weil staatstragend und gut, weil subkulturell herrschaftsablehnend, heute noch haltbar ist. Spätestens seit Nirvanas Megaseller "Smells Like Teen Spirit", sprachen Industrie-Bands von Antikommerzialismus und Dissidenz, roch es nach echter Freiheit und nicht nach abgestandenen und gestrickten Legenden. Authentisch. "Wo sich Dissidenz einmal des Konsums bediente, so bediente sich nun der Konsum der Dissidenz (...) hocherfreut präsentierte sich der Mainstream nun selbst als Minderheit."
Und weiter: "Unter diesen Bedingungen wird es immer schwieriger, die Funktionen von Popkultur so zu interpretieren, wie es bis vor kurzem noch üblich und angemessen schien. Der 'kreative' Gebrauch der massenkulturellen Produkte, zentraler Bestandteil der positiven Utopie von Popkultur (...), tritt zugunsten des 'kreativen' Gebrauchs der Pop-, Jugend-, Subkulturen durch die Massenkultur selbst zurück."
Christoph Gurk z.B. geht es historisch an in seinem Beitrag "Wem gehört die Popmusik". "Pop war nie unschuldig, sondern immer schon in die kapitalistische Reproduktion verstrickt. Dieser Befund führte im Rahmen der linken Theoriebildung zu zwei dominierenden Ansätzen: Der eine sieht in der Popkultur das Ebenbild des Kapitalismus, der andere schöpft gerade aus der Warenförmigkeit von Pop gewisse Hoffnungen auf Demokratisierung." (S.20). In seinem spannenden, wenn auch nicht ganz einfach geschriebenen Text unterzieht Gurk die Thesen von Theodor Adorno und Max Horkheimer einer Neuüberprüfung.
Diese beiden, Vertreter der "kritischen Theorie", (einer neo- marxistischen sozial-philosophischen Strömung) sind die Väter des erstgenannten "kulturpessimistischen" Ansatzes und nahmen in den 40er Jahren im Standardwerk "Dialektik der Aufklärung" zum Komplex Kulturindustrie Stellung. Ihre damalige Analyse fiel bedrückend aus: Denn in ihren Augen ist der Konsument grundsätzlich passiv, seine Bedürfnisse werden geweckt, ja schlimmer noch durch die Penetrationstechniken der Kulturindustrie von vornherein manipuliert. Der Warencharakter von Massenkultur ist damit grundsätzlich negativ zu bewerten. (Hallo, ist jemand da draußen, der mich noch versteht?)
Der inhaltliche Gegenpol zu diesen Thesen wird repräsentiert von Walter Benjamin, der Adorno/Horkheimer politisch nahestand, seinen Focus aber anders setzte: In seinem Aufsatz "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" schafft erst die massenhafte Verfügbarkeit von Kulturwaren für bis dahin von ihnen Ausgeschlossene die Voraussetzung für Demokratie.
Schöne, bissige Thesen über die Techno-Szene finden sich in dem Beitrag von Annette Weber "Miniaturstaat Rave-Nation" wieder, dem sie berechtigterweise den Untertitel "Konservatismus im Kontext der Techno-Community" verpasst hat. Sie räumt auf mit dem Mythos der Gegenkultur, der der Techno-Gemeinschaft nach wie vor anhaftet: "Die scheinbare Offenheit gegenüber dem Spiel mit Geschlechterstereotypen wird konterkariert durch eine 'Girlie'-Ikonographie, die eher neue Grenzen verlegt. Und auch die Befreiung des Körpers erweist sich zunehmend als die Verwirklichung von neuen Fitness-Ansprüchen. Was aussehen möchte wie eine Jugendrevolte, entpuppt sich als Anpassung an kontrollgesellschaftliche Regeln." (S.41) Mehr davon?
Na gut: "Bei der ersten Love-Parade von 1989 spielte die Präsenz, das Sich-Zeigen eine wichtige Rolle. 1996 sollte eine Jugendkultur in den öffentlichen Raum eingebunden werden, die keinen Anspruch auf Aussagen erhebt.." (S.42)
Ansonsten gibt's Gedrucktes zu den Themen Rock in der Sowjetunion (Uli Hufen), Schlagermusik (Mark Terkessidis), Popmusik und Science Fiction (Dietmar Dath), und, und, und ...
Negativer Höhepunkt in Puncto Unverständlichkeit (gekonnte Nullaussage?), mal wieder gesetzt von Diedrich Diederichsen, ist sein Aufsatz "Stimmbänder und Abstimmungen". Zitat: "..Ein Opernsänger ist wie ein Gewichtheber, ein spätfeudales Monster eines Marionetten-Staates, aber seine Kraft, wie die des Boxers oder Gladiators, setzt eine archaische, auch soziale Hebelfunktion in Gang. Sie setzt sich durch gegen Arsenale und Maschinen der Lautstärke..." Schluck...da versagt mir doch spontan die Stimme, es bleibt einfach nix zu sagen.
Die AutorInnen, allesamt aus verschiedensten S.P.E.X.-Generationen, zumindest aber erklärte SymphatisantInnen und auf dem tugendhaften Weg der Wahrheitsfindung, machen es sich und den LeserInnen nicht leicht. Dabei ist das zwingend nötige Soziologie-Lexikon noch das kleinste Übel, nein, sie schießen schlicht und ergreifend am Ziel vorbei.
Es gelingt ihnen mit unerreichter Konsequenz, dieses immens wichtige Thema, vielleicht das Thema des inhaltlichen Pop-Diskurses, für Außenstehende unverständlich zu machen.
Wenn, wie in dieser Publikation, die benutzte Sprache selbst für Spezialisten eine dermaßen hohe Hürde darstellt, taucht natürlich die Frage nach dem Warum auf.
Ist es Bertriebsblindheit und Egomanie, oder schlicht bürgerliche Wissenschaftsauffassung, die letztendlich nur darstellen will, Veränderung aber anderen überlässt, die unsere Hobby-Marxisten hier pflegen. (Ja, ja, Forschen um des Forschens willen, schöne Sätze - wegen der Ästhetik...)
Ein sehr wichtiges Thema, aber leider ein Buch, das außerhalb der üblichen Diskussionszirkel keine Verbreitung finden wird.

So, ich rege mich jetzt ab und hör' auf nachzudenken, denn sonst müsste ich hinterher noch feststellen, dass auch ich einer dieser Replikanten der Erwachsenenwelt gewesen sein sollte. Ich? Nein, nein - ich doch ganz bestimmt nicht!
 
Öle Schmidt

  Tom Holert / Mark Terkessidis (Hrsg) bei ebay

 

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