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  Portrait Of A Generation ::: Alfred Steffen
Review

Portrait Of A Generation - The Love Parade Family Book
Portrait Of A Generation
The Love Parade Family Book
Alfred Steffen
Taschen Verlag
 
Fotografien
ISBN 3-8228-8178-3, 160 Seiten

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Juli in Berlin. Die Straßen sind keine Straßen mehr, sind Gesichter, Farben. Eindrücke, wohin man schaut. Manche sagen auch Kicks dazu, aber meine Kicks sind das definitiv nicht. Das unentrinnbare Gedränge, keine Luft zum Atmen und das ständige scharrende Geräusch von 1 Millionen Füßen auf leeren Blechbüchsen lässt mich die Love Parade '96 einfach nicht genießen. Eigentlich geht es hier doch ums Genießen, um die Party an sich, die ultimative Party, auf der sich die Welt vereinigt in "Friede, Freude und Eierkuchen". So will es jedenfalls Dr. Motte, der oben an der Siegessäule steht, da, wo sich die träge, zappelnde Masse hinbewegt. Eine merkwürdige Masse, bunt, so bunt, dass alles zu einer Farbe wird.
Mitten in dieser unüberschaubaren Menschenmenge suchen die Scouts des Fotografen Alfred Steffen nach einzelnen Gesichtern und Körpern, die dieses Fest in all seinen Facetten widerspiegeln. Finden sie jemanden, wird er oder sie oder es zu einem Lastwagen geleitet, in dem vor einer weißen Leinwand für einige Minuten alle Farbe um die Person verschwindet, der sich der Fotograf nun in ihrer eigenen Buntheit widmet. Dann einige kurze Fragen, und schon landet der nächste Paradiesvogel vor der Linse.
Auf diese Weise hat Alfred Steffen auf der Parade und vor dem Tresor am Love Parade-Wochenende 250 Aufnahmen von Menschen gemacht, von denen 140 für das Buch "Portrait of a Generation" ausgewählt wurden. Ein, man ahnt es schon, bunter Haufen, der sich da präsentiert, vom unschuldigen Elfjährigen über Männer, die sich als Frau fühlen und die Parade als Chance sehen, das auch zu zeigen, bis hin zur ravenden Kleinfamilie. Und immer wieder Teens und Twens, aus allen Ecken der Republik angereist und auf die verschiedensten Arten gestylt, gestylt, was das Zeug hält. Einer hat seinen ganzen Körper rot angesprüht, weil er nach eigenen Worten "profilierungssüchtig" ist. Eine kommt im Lackdirndl mit Kuhglocke um den Hals, um für Toleranz zu demonstrieren, "Toleranz den Spießern, genau wie den Extremen gegenüber." Eine andere ist ganz in Latex und fühlt darin "Stärke und Stabilität, alles fühlt sich auch intensiver an". Viele sind einfach in gängiger Club- und Streetwear gekleidet und versuchen sich nur durch kleine Accessoires von den anderen Mitgliedern der Familie abzuheben. Bunte Haare, Schmuck und Schminke, Tätowierungen und immer wieder Piercings sind dazu die häufigsten Mittel.
Alfred Steffen, der mit "Tempo" groß geworden ist und heute für Max, Vogue und den Spiegel arbeitet, legt mit diesem Buch eine Sammlung sehr beeindruckender und realistischer Bilder vor, die durchgehend ehrlich wirkt und die Love Parade in ihrer - längst zur Pose gewordenen - Skurrilität recht gut wiedergibt. Aber das ist auch schon das Problem des Buches, denn es konzentriert sich zu sehr auf die positive Seite, den Glamour der Love Parade. Natürlich findet man hier auch "normale" Leute, etwa die pausbäckige Sechzehnjährige, die findet, dass "es besser wäre ohne die vielen Drogen". Aber, so frage ich mich, wenn es hier um das Porträt einer Generation gehen soll, wo sind dann die besoffenen Krakeeler, die druffen Hooligans und Jungs mit Nackenmatte abgebildet, die ihre halbleeren Dosen rumwerfen, weil das Bier in der Julihitze natürlich doppelt so schnell schal wird? Wo sind die Schnäuzer, die mit ihren hoffnungslos fiesen 80er-Jahre-Sonnenbrillen den leichter geschürzten Frauen auf den Lastwagen rotzige Sprüche drücken? Oder die Überdosierten, die nur noch ekstatische Panik in den Augen tragen und sonst nicht mehr viel. - Klar, sie verschwinden in der Masse, und die Masse ist eben bunt und groß genug, um solche schwarzen Schafe der Familie einfach zu schlucken. Sicherlich kann man dies Steffen nicht unbedingt zum Vorwurf machen, denn es kann ja nicht Sinn und Zweck eines solchen Buchs sein, die zu zeigen, die den "Geist" der Love Parade nicht verstanden haben. Das Buch trägt den Untertitel "The Love Parade Family Book" und beschreibt damit besser als der eigentliche Titel die wahre Bestimmung des Buches: Damit wir später einmal, wenn die Kinder fragen, dieses Buch zeigen und uns erinnern können, wie verrückt, wie einfach und wie interessant wir früher waren, in den Neunzigern.
Und es stimmt ja auch, wir sind ja verrückt, einfach und interessant, und sexy, und cool, und albern, ernst und alles andere, was Menschen so sein können in den Neunzigern. Ein Jahrzehnt, das wohl später einmal mit Techno gleichgesetzt werden wird wie die Fünfziger mit Rock'n'Roll. Ich kann mir das schon vorstellen: Love Parade Revival Party, erstes Juliwochenende 2035 in Berlin. Willkommen im Pop.
 
Daniel Giebel

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